Rüksichtslos höflich

Süddeutsche Zeitung, Starnberg, Seite 2, Kultur, 3. Dezember 2018

Harry Sternberg zeigt in seinem B 1 in Utting Originalkarikaturen des berühmt-berüchtigten Henry Meyer-Brockmann und lädt die Besucher zu einer kleinen Zeitreise in die Fünfziger ein

Von Katja Sebald, Utting

Der große Olaf Gulbransson war sein Lehrer, Erich Kästner entdeckte ihn, Zeitungsredakteure wussten ihn zu schätzen und diejenigen, die er mit spitzer Feder aufspießte, mussten ihn fürchten: Henry Meyer-Brockmann war einer der ganz großen Karikaturisten der deutschen Nachkriegszeit, heute ist er weitgehend vergessen. Harry Sternberg aus Utting ist es zu verdanken, dass man jetzt erstmals wieder einen Blick auf ein Werk werfen kann, das seit einem halben Jahrhundert in einer Privatsammlung schlummerte. In seinem Ausstellungsraum „B 1“ im ehemaligen Fremdenverkehrsbüro am Uttinger Bahnhofsplatz hat Sternberg unter dem Titel „Leute von heute … und gestern“ Originalzeichnungen von Henry Meyer-Brockmann zu einer kleinen Zeitreise in 1950er Jahre arrangiert.

„Warnen möchte ich den Unbegnadeten, der diese Besprechung mit einer auch nicht den leisesten Zug von mir treffenden, nicht einmal karikaturistischen, sondern nur abscheulichen Zeichnung versehen hat.“ So zitierte der „Spiegel“ im Juli 1952 Carl Zuckmayer, der für seine „Liebesgeschichten“ einen üblen Verriss samt Karikatur kassiert hatte. Der „Unbegnadete“ war niemand anderer als der berühmt-berüchtigte Henry Meyer-Brockmann.

1912 in der Nähe von Hannover geboren, hatte er als Kohlenträger und Buchdrucker gearbeitet, bevor er die Kunstgewerbeschule Hannover besuchen konnte. 1934 war er nach München gekommen, wo er bei Olaf Gulbransson an der Münchner Akademie der Bildenden Künste studierte und bald zum Meisterschüler aufstieg. Kaum aus dem Krieg zurück, veröffentlichte er erste Karikaturen im neugegründeten „Ruf“ und in der ebenfalls neugegründeten „Süddeutschen Zeitung“. Seine Porträtzeichnungen von Zeitgenossen erschienen in der Wochenspalte „Die Süddeutsche besucht“. Ab 1954 zeichnete er auch für den „Simplicissimus“. Eine Festanstellung lehnte er kategorisch ab, legendär war sein raubeiniges Auftreten. Seine stark vereinfachten Darstellungen von öffentlichen Gesichtern waren ebenso knapp wie treffend. Er vertrat die Meinung: „Wenn es die Höflichkeit der Könige ist, pünktlich zu sein, dann ist es die Höflichkeit der Karikaturisten, rücksichtlos zu sein.“

Karikaturen von Henry Meyer-Brockmann: der erste kongolesische Ministerpräsident Patrice Lumumba, der frühere argentinische Präsident Juan Domingo Perón und.der damalige Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings. Bilder: Franz Xaver Fuchs

Was das im Einzelnen bedeutet, illustriert auf höchst überzeugende Weise die von Harry Sternberg getroffene Auswahl aus den mehr als tausend unsortierten Blättern in der Sammlung von Stephan Bastian aus Windach. Das verkniffene Gesicht von Konrad Adenauer wiederholte er fast wie ein Markenzeichen, mal mit Schellenknappe, an der die Hohen Kommissare baumeln, und mal als Sturmpanzer mit einem Geschütz, das wie ein Einhorn aus der Stirn ragt. Auch das Gesicht von Igor Strawinsky besteht aus wenigen kantigen Strichen. Sophia Loren und Carlo Ponti hingegen verschmelzen zu einem Doppelporträt, in dem es um nichts als die Brüste der Diva geht. Ella Fitzgeralds singender Mund ist ein riesiger schwarzer Schlund und der Körper von Gina Lollobrigida eine elegant geschwungene Gondel. Charlie Chaplin und Jean Cocteau werden die meisten Ausstellungsbesucher noch kennen, bei Heinz Neuhaus oder Dean Acheson könnte es schon schwierig werden. Sternberg hat deshalb die meisten Zeichnungen mit kleinen Erklärungen versehen.

Besonders reizvoll an den Originalen sind die Flick- und Klebestellen, die Übermalungen mit Deckweiß und anderen Nachbearbeitungen, mit denen die Arbeitsweise des Zeichners im Zeitungsalltag nachvollziehbar wird. Ergänzt wird die gelungene Ausstellung in Utting durch eine Bildschirmpräsentation mit Karikaturen zum politischen Geschehen der Nachkriegszeit.

Henry Meyer-Brockmann, der schwer an Diabetes erkrankt war, starb 1968. Seine mittlerweile ebenfalls verstorbene Tochter hatte in schwierigen Zeiten ein großes Konvolut aus Originalen und Belegen von Veröffentlichungen verpfändet. Der Vater von Stephan Bastian rettete diese Sammlung aus dem Leihhaus, jetzt wird ein Teil davon erstmals öffentlich gezeigt.

Harry Sternberg präsentiert in seinem Uttinger B1 Karikaturen von Henry Meyer-Brockmann. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Ausstellung im Raum B1, Bahnhofplatz 1, in Utting ist bis zum 13. Januar 2019 jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon: 0163-6350853 zu sehen.

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