Spitznahme „Olaf“

Ammersee Kurier, Seite 7,  Kultur, 11. Dezember 2018

Vom Kohleträger zum kohlrabenschwarzen Karikaturisten 

Nué Ammann

Utting – Schon zu Schulzeiten wurde er mit Olaf Gulbransson verglichen, als „spitzeste Feder der Nachkriegszeit“ wurde und wird er gerne bezeichnet, und er soll das große Vorbild von Karikaturist Horst Haitzinger in dessen Jugendjahren gewesen sein.Gemeint ist Henry Meyer-Brockmann ein fast Vergessener, dem Harry Sternberg in seiner Galerie B1 am Uttinger Bahnhof derzeit eine Ausstellung widmet.

„Die Kunst der Karikaturisten ist häufig an den Tag gebunden. so dass ihre Arbeit Monate oder Jahre später nicht mehr verständlich ist“, so Dr. Thomas Raff in seiner Eröffnungsrede zur Vernissage. Eine Folge sei, dass ihr Talent oft in Vergessenheit gerate. also ihr Nachruhm somit gegen Null läuft. Auch im Fall von Henry Meyer-Brockmann wäre es so, hätte er nicht neben den seinen Karikaturen zur situativen Weltgeschichte eine ganze Reihe von Portraits bekannter Persönlichkeiten geschaffen, die noch heute im kollektiven Gedächtnispräsent sind, wie beispielsweise Albert Schweizer, Konrad Adenauer, Ella Fitzgerald, Charlie Chaplin, Martin Luther King, Abd el Nasser. oder, oder.1912 als Sohn eines Dorfkaufmanns in Berenborstel geboren, verdient Henry(wahrscheinlich damals noch Heinrich) Brockmann seine ersten Brötchen als Kohleträger, später besucht er die Kunstgewerbeschule in Hannover und verdient sich dort den Spitzname „Olaf“, wohl nach dem damals wie heute weithin bekannten Zeichner Olaf Gulbransson, bei dem Henry dann auch ab Mitte der 30erJahre an der Akademie in München studiert. Schon zu Beginn des zweiten Weltkriegs wird er als Soldat eingezogen und an die finnische Front geschicktes vergehen Jahre über die Henry Brockmann nach 1945 kein Wort verlieren.

„Man kennt ein solches Verhalten von vielen Menschen und meist ist ein Beweis dafür, dass alles ziemlich schrecklich war”, fasst Dr. Thomas Raff diese nahezu zeugnislose Lebensphase des Künstlers zusammen. Kurz nach Kriegsende heiratet Henry Brockmann Henriette Meyer und nimmt ihren Namen in den seinen auf. Mit der Vergabe der ersten Zeitungslizenzen durch die Militärverwaltungen der Besatzungsmächte ergab sich für Henry Meyer-Brockmann die Möglichkeit „für die neuen, demokratischen Blätter zu zeichnen“, so Dr. Thomas Raff. Darunter die im März 1946 gegründete Zeitung „Der Simpl“, als geistiger Nachfolger des ursprünglichen„ Simplicissimus“, die „Süddeutsche Zeitung“ sowie die „Neue Zeitung“. 

 Eine Zeichnung von Kaiserin Soraya und Schah Reza Pahlewi
aus der Feder von Henry Meyer Brockmann lockt In die Ausstellung
des fast in Vergessenheit Geratenen. Foto: Nué Ammann


Als Karikaturist kam Henry Meyer-Brockmann auch mitSchriftsteller und Publizist Hans Werner Richter, dem Gründer der Gruppe 47, inKontakt und nahm bei der 6. Tagung der Literatengruppe am 16.10.1949 im CaféBauer in Utting teil. Zahlreiche Konterfeis sind dabei entstanden, von welcheneinige auch in Meyer-Brockmanns Buch „Leute von heute… und gestern“, das 1955im Pranger Verlag erschien, veröffentlicht sind. In den späten 50er und frühen60er Jahren erscheinen mehrere Publikationen rund um die Arbeiten des Karikaturisten,der jedoch zunehmend schwer erkrankte und schließlich 1968 an einer Diabeteserkrankungstarb. Seiner Tochter Susanne hinterließ er ein Konvolut an Arbeiten, die diesejedoch einige Jahre später beleihen musste und nicht zurückerstehen konnte.Gekauft wurde die Sammlung schließlich vom Vater des Filmemachers StephanBastian aus Windach, der sie nun Harry Sternberg zur Verfügung stellte. Einglücklicher Ausgang. sind doch die federleichten Stichzeichnungen von HenryMeyer-Brockmann, einen „Illustrator der Geschichte“, wie ihn StephanBastian nennt, absolut sehenswert und ermöglichen dem Betrachter einenspitzfindigen Blick in die Vergangenheit.

Die Ausstellung kann bis 13. Januar 2019 immer sonntags zwischen 13 und 17 Uhroder nach telefonischer Vereinbarung [unter 0163-6350853) besucht werden. AlsRahmenprogramm findet am 5. Januar 2019 um 11 Uhr zudem eine Privatvorführungdes Dokumentarfilms ,,Der Karikaturist“ von Stephan Bastian statt, derdiesen in den 70er Jahren im Auftrag des Bayerischen Rundfunks schuf. Weitere Informationen unter:
www.raumb1 .de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.