Vergessene Geschichte sichtbar machen

Abiturienten konzipieren Ausstellung im B1 in Utting – Noch bis 6. Januar geöffnet

Von Dagmar Kübler

Utting – Von 18. August 1944 bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 befand sich in Utting ein Konzentrationslager. Es trug den Namen „Kaufering X“ und gehörte zum KZ Dachau-Außenkomplex
von Kaufering. Diesen fast vergessenen Ort von Schrecken und Leid haben 15 Schüler und Schülerinnen des P-Seminars Geschichte des Ammersee Gymnasium Dießen (ASG) wieder sichtbar gemacht. Rund neun Monate beschäftigten sich die Heranwachsenden mit dem Thema unter Leitung der Geschichtslehrerin Stephanie Schneider und konzipierten eine Ausstellung.

War diese zuerst im ASG angesiedelt, ist sie nun noch bis 6. Januar im Raum B1 in Utting zu sehen. Dass Harry Sternberg die äußerst informative Ausstellung so nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, freut die Gymnasiasten sehr. Am Sonntag waren zwei von ihnen, Emma Strohmeier aus Utting und Jonas Rapp aus Dettenschwang, sogar im B1 anwesend, um mit Besuchern in Kontakt zu treten. Diese nutzten die Gelegenheit rege, und manche von ihnen erwiesen sich sogar als Zeitzeugen. So berichtete eine Dame von ihren Kindheitserinnerungen. Einmal sei sie am Zaun, der das Gelände umgab, gewesen und ein Häftling hätte die Hand durchgestreckt und um Essen gebettelt. Die Kinder hatten nichts dabei, von weiteren Besuchen wurden sie von der Mutter abgehalten. Insbesondere der Kontakt mit Zeitzeugen, darunter auch mit dem ehemals inhaftierten Abba Naor, sei für ihn etwas Besonderes gewesen, erinnert sich Jonas Rapp; „Die Zeitzeugen haben nicht mehr lange zu leben, und wir hatten das Glück, noch mit ihnen zu sprechen.“ Emma Strohmeier war besonders berührt vom Tagebuch des Uttingers Adam Heinrich. ‚„Wir fürchten das hiesige Lager mit mehreren hundert Juden“ notierte Heinrich 1945. Ganz bewusst haben sich die P-Seminarler für die Beschäftigung mit dem Uttinger KZ entschieden und das Thema aus mehreren angebotenen ausgewählt. Einer der Gründe war der regionale Bezug. So konnten sie sich auf die Spuren der Häftlinge begeben, besuchten Mahnmale und Friedhof und gingen ihre Wege in Utting ab. Viele Informationen sammelten sie über Internetrecherchen und Gespräche mit Bürgern sowie Büchern, beispielsweise von Solly Ganor und Abba Naor, bauten ein Modell des Lagers und verfassten Texte. „Dadurch konnten „wir das Ausmaß erst richtig realisieren“, so die beiden Schüler. Zirka 450 Juden, hauptsächlich aus den liquidierten Gettos wie Kaunas und Schaulen in Litauen sowie polnische Juden und ungarische Jüdinnen, waren im Lager zehn untergebracht. Die Frauen leisteten Zwangsarbeit, die Männer produzierten unter anderem im Fertigteilwerk von Dyckerhoff und Widmann Betonplatten für den die Landsberg , entstehenden Bunker Weingut II. Die Bewohner Uttings wussten von der Existenz des Lagers, sind sich die Abiturienten sicher. So mussten die Häftlinge in ihrer gestreiften Kleidung unter Aufsicht Lebensmittel vom Seefelder Hof zum Dorfbrunnen bringen. Dort fand zwei Mal täglich die Essensausgabe statt. Trotz drohender Strafen versteckten manche Uttinger Essen in den Büschen, die den Weg der Häftlinge vom Lager dorthin säumten. Berichten zufolge wurden am Dorfbrunnen auch
Exekutionen durchgeführt.
Rund 200 Besucher, auch von außerhalb der Region Landsberg, haben die Ausstellung inzwischen besucht, freut sich Organisator Harry Sternberg, der noch Informationen in Form von Fotos vom Abriss der Dyckerhoff-Hallen 2006 sowie Fundstücken vom Gelände beisteuerte. Tatsächlich ist das Thema Nationalsozialismus geeignet, den Dialog zwischen den Generationen zu beleben. Dass die Arbeit der Gymnasiasten von den Besuchern gewürdigt wird. zeigen viele Kommentare, die diese auf Zettel geschrieben im B1 hinterlassen haben: „Verleugnen und Verdrängen verbraucht Energie. Sie kann auch in Beherzigen, lnnehalten, Stellung nehmen und Neubeginn fließen. Danke euch Abiturienten! “

» Geöffnet Ist die Ausstellung Im Raum Bl. Utting Bahnhofplatz 1 bis 6. Januar. sonntags und am 6.1anuar, 14 bls 17 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 0163 6350853. Am 19. Januar geht die nächste Ausstellung an den Start. erneut zum Thema „Erinnern Vergessen“. Gezeigt werden Bilder-Geschichten von Bjarne Geiges.

Ammersee Kurier, Freitag, 3. Januar 2020

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