Ausstellung: Claus Bastian war Häftling Nummer eins in Dachau

Artikel Landsberger Tagblatt, Seite 27, 23. August 2018

In Utting erinnert eine Ausstellung an Claus Bastian.

Bild: Andlauer

Erinnerungen des Malers und Juristen, der in Utting seine Kindheit verbrachte sind im Raum B1 ausgestellt. Ein Ort für Kunst, Kultur und Begegnungen.

Von  Dagmar Kübler

Fährt man die Bahnhofstraße in Utting Richtung See, führt der Weg direkt zu einem markanten Ensemble aus hohen Kiefern und einem kleinen Flachdachhaus dazwischen. Mit seiner kräftigen rotbraunen Farbe bildet es einen lebhaften Kontrast und gibt dem Bahnhofsplatz ein mediterranes Flair. Das Schöne daran ist, dass seit Kurzem dort die Fenster einladend offen stehen. Denn in Utting gibt es einen neuen Raum für Kultur. Harry Sternberg, geboren in Niederbayern, Uttinger seit rund 25 Jahren, Fotograf und Mitbegründer des Kulturforums Utting, hat das ehemalige Fremdenverkehrsamt zum Ort für Kunst, Kultur und Begegnung verwandelt. Im Raum B1 will er wechselnde Ausstellungen zeigen, der Raum steht aber auch für andere Kulturschaffende offen.

Ausschnitte aus seinem Leben

Seit Ende Juli sind im Raum B1 Ausschnitte aus dem Leben von Claus Bastian, der seine Kindheit ab 1911 in Utting verbracht hat, zu sehen. Claus Bastian ist vor Ort kein gänzlich Unbekannter, nach ihm ist sogar eine Straße benannt. „Viele Uttinger kennen ihn dennoch nicht“, sagt Sternberg und hat mit seiner neuen Ausstellung Bastians vielschichtige Lebensgeschichte verknüpft mit der Ortsgeschichte Uttings.

Zwei Liegestühle stehen auf dem kleinen Plätzchen vor der Tür, ein Tisch, zwei Sitzbänke. Warm und würzig liegt der Kiefernduft in der Luft, wenn Sternberg von den interessanten Begegnungen erzählt, die sich durch die Beschäftigung mit Bastians Leben bereits ergeben haben. So hat er von einem Sohn Bastians, der in der Region wohnt, viel Material, alte Fotografien und sogar Originalbilder erhalten, die in der Ausstellung zu sehen sind. Mit einigen der sieben Kinder Bastians hat er Kontakt. „Seine Tochter Nicola, die ihn in seinen letzten Lebenstagen gepflegt hat, will eigens aus den USA nach Utting kommen“, freut sich Sternberg.

Ein Lebenskünstler

„Meine erste Ausstellung sollte einen Bezug zur Uttinger Zeit- und Ortsgeschichte haben. Ich möchte die Bürger damit ansprechen“, sagt Sternberg zu seiner Wahl, an das Leben von Claus Bastian zu erinnern. Bastian, 1909 als jüngstes von sechs Kindern geboren, war ein Lebenskünstler, dessen Leben immer wieder spannende Wendungen genommen hat. So war er Bauer, Schäfer, Schmied, Boxer, Steptänzer, aber auch ein Rechtsanwalt, dessen Kanzlei nach Kriegsende insbesondere 2000 Wiedergutmachungsverfahren für Israelis durchgeführt hat. Bis zu dessen Tod war er auch der Anwalt von Albert Schweitzer.

In den 1950-er Jahren wandt er sich der Kunst zu, wurde Maler und Bildhauer. Kontakt mit der Pariser Künstlerszene bekam er bereits 1929, wo er an der Sorbonne studierte und mit Miro und Picasso zusammenkam. Bastian war aber auch Kommunist und mondäner Dandy – und der Häftling mit der Nummer 1 im Konzentrationslager Dachau.

Dass heute so viel über sein Leben bekannt ist, ist der Lehrerin Anna Andlauer zu verdanken. Sie porträtierte ehemalige Häftlinge des KZ und stieß im Rahmen dieser Arbeit auf den in Schwabing lebenden, 82-jährigen Bastian. Aus den vielen Gesprächen in den folgenden zwanzig Monaten entstand das Buch „Du, ich bin der Häftling mit der Nummer 1“, das im Raum B1 auch erhältlich ist. „Selbst seine Kinder haben manches aus dem Leben ihres Vaters erst aus diesem Buch erfahren“, weiß Sternberg.

Sein Resümee beeindruckt

Beeindruckend ist neben dem Lebenslauf auch Bastians Blick auf das Leben, sein ganz persönliches Resümee. So war es ihm stets wichtig, sich nicht von den eigenen Tabus überrollen zu lassen, immer auf der Hut zu sein vor den eigenen Vorstellungen und Erklärungsmustern. Er, der 82-Jährige, sprach davon, dass es darum ginge, zur Offenheit des Anfangs zurückzukehren, um die Fähigkeit zu schaffen, ein Leben lang neugierig zu bleiben. Claus Bastian starb 1995.

Geschichten vom Hochradfahren des kleinen Buben in der Bahnhofstraße, seine Besuche beim Schuster Sirch und dem Friseur und Wundheiler Ignaz Wurmdobler lassen das alte Utting wieder aufleben. Am 16. September soll es einen Spaziergang mit Anna Andlauer zu den Häusern Uttings aus Bastians Kindheit geben sowie eine Lesung.

Sternberg selbst wird seine großformatigen Fotografien, darunter viele Naturaufnahmen, im November auch im Altstadtsaal in Landsberg im Rahmen einer Einzelausstellung zeigen. Seit 1996 sind seine Werke immer wieder in Ausstellungen zu sehen, so im Studio Rose oder beim Kleinen Format in Dießen. Auch an den Kreiskulturtagen im kommenden Jahr wirkt er mit. An Ideen für weitere Ausstellungen im Raum B1 mangelt es ihm nicht. So habe Bert Brecht die glücklichsten sieben Wochen seines Lebens in Utting in einem Landhaus verbracht. Die Geschichte, wie Brecht in der Nazi-Zeit zu diesem Haus kam, gleicht einem Krimi –vielleicht wird Sternberg ihn im Raum B1 aufführen.

Die Ausstellung „Freiheit, Wagnis, Staunen“ über Claus Bastian ist im Raum B1 am Bahnhofsplatz in Utting noch bis 16. September jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

 

Das schwarze Schaf der Familie

Süddeutsche Zeitung, Starnberg, Seite 2, Kultur, 28. Juli 2018

Eine Ausstellung in Utting widmet sich Kindheitserinnerungen des Malers und Juristen Claus Bastian, der einst am Ammersee lebte und als Häftling mit der Nummer 1 im KZ Dachau registriert wurde

Von Katja Sebald

In Utting gibt es einen neuen Raum für Kultur: Harry Sternberg, selbst aktiv als  Fotograf und Künstler, hat das ehemalige Fremdenverkehrsbüro am Bahnhofsplatz für drei Jahre von der Gemeinde gemietet. Das „B1“ soll Plattform für künstlerische Ideen sein, auch Experimentelles kann dort stattfinden. „Ich habe mir damit einen Traum erfüllt“, sagte Sternberg bei der Eröffnung der ersten Ausstellung „Freiheit – Wagnis – Staunen, Kindheitserinnerungen an Utting“. Es handelt sich dabei um eine einerseits ortsgeschichtliche Dokumentation, andererseits um eine sehr persönliche Rückschau auf das Leben von Claus Bastian.

Aber was für ein Leben: Claus Bastian kam 1909 als jüngstes von sechs Kindern in Biebrich am Rhein zur Welt. Sein Vater Richard arbeitete als Ingenieur am Ausbau europäischer Häfen. Von 1911 an lebte die Familie in Utting. Als Kind sauste Claus Bastian auf dem Hochrad durch die Uttinger Bahnhofsstraße. Als Jugendlicher brach er die Schule ab und arbeitete als Bauer, Schmied und Schäfer. Nachdem er doch noch einen Schulabschluss gemacht hatte, studierte er an der Pariser Sorbonne, traf Miró und Picasso und verdiente sich ein Zubrot als Stepptänzer im „Folies Bergère“. Zurück in München war er Dandy und Kommunist zugleich. Als Gründer des „Marxistischen Studentenclub“ verschleppten ihn die Nazis im März 1933 in die in die stillgelegte Pulver- und Munitionsfabrik bei Dachau, wo er als Häftling mit der Nummer 1 des neu eingerichteten Konzentrationslager registriert wurde. Kurz zuvor hatte er sein juristisches Staatsexamen abgelegt.

In „Freiheit – Wagnis – Staunen“ in der Uttinger Galerie Raum B1 sind auch die“Schlittschuhfahrer am Ammersee“ zu sehen. (Foto: Georgine Treybal)

Nachdem er mit viel Glück den NS-Schergen entkommen war und sich durch den Krieg gebracht hatte, ohne einen einzigen Schuss abzugeben, führte er in der Nachkriegszeit mehr als 2000 Wiedergutmachungs-verfahren für Israelis und wurde unter anderem Anwalt von Albert Schweitzer. Schließlich erinnerte er sich -n die künstlerischen Begegnungen in Paris, begann zu malen und gründete zusammen mit Gunter Sachs das „Modern Art Museum Munich“ in der Villa Stuck.

Am Ende erinnerte sich Claus Bastian: „In meinem Hochrad steckt für mich das Wesentliche drin, das wesentliche Lebensgefühl: Freiheit, Wagnis, Staunen.“ 1995 starb er.

Als Grundlage der von Sternberg zusammengestellten Ausstellung diente das 1992 erschienene Buch von Anna Andlauer „Du ich bin … der Häftling mit der Nummer 1“, für das Bastian selbst die Illustrationen machte. Ergänzt werden diese Texte und Zeichnungen durch historische Fotos aus der Dokumentation „Utting am Ammersee. Das Dorf und seine Menschen in alten Aufnahmen“ von Werner Weidacher. Claus Bastians jüngster Sohn Stephan stellte zudem Familienfotos und Bilder seines Vaters zur Verfügung.

Die Ausstellung eröffneten (von links) Bastians Sohn Stephan, Harry Sternberg und Christine Riedel. (Foto: Georgine Treybal)

Entstanden ist eine höchst facettenreiche Rückschau auf das Leben in Utting zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Mein Vater muss viel Geld verdient haben“, schrieb Bastian über seine Kindheit in der Bahnhofsstraße 12a: „Das Haus hat Türme und Erker, gotische Bögen, Fensterläden grün-gelb gestrichen, wie ein altes Schloss.“ Aber auch mit „echtem“ Dorfleben kam das Kind in Berührung: „Stundenlang hab‘ ich beim Schuster Sirch zugeschaut, wie er mit scharfen Messern das Leder schnitt…“ Vom Uttinger Müller Sauter wurde er als Kind über den Verlauf des Ersten Weltkriegs informiert.

Und in Utting am Ammersee hielt Bastian in den Zwanzigerjahren seine erste politische Rede gegen den damaligen Reichskanzler Hindenburg. „Mein Vater war das schwarze Schaf in der Familie“, sagte sein Sohn Stephan bei der Ausstellungseröffnung. „Aber ein schwarzes Schaf ist besser als ein braunes Schaf“, ergänzte er mit Verweis auf Claus Bastians Schwester Margret, die mit NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Flechtner verheiratet war.

Die Ausstellung ist bis zum 16. September 2018 jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon 0163 / 635 08 53 zu sehen

URL: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/kultur-das-schwarze-schaf-derfamilie-1.4072808

 

Freiheit – Wagnis – Staunen

Mit der Ausstellung „Freiheit – Wagnis – Staunen, Claus Bastian, Kindheitserinnerungen an Utting“starte ich mein Kunst- und Kulturprogramm im Raum B1 am Bahnhofplatz 1 in Utting,dem ehemaligen Fremdenverkehrsbüro.

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In der Ausstellung werden Erinnerungen aus der Kindheit des Lebenskünstlers Klaus Bastian in Utting vor hundert Jahren gezeigt. Quelle sind Texte und Fotografien aus den Büchern von Anna Andlauer „ Du ich bin … der Häftling mit der Nummer 1“ und von Werner Weidacher „Utting am Ammersee. Das Dorf und seine Menschen in alten Aufnahmen“. Claus Bastians Sohn Stephan bereichert die Ausstellung mit Fotografien und Bilder. Er wird bei der Eröffnung anwesend sein.

Claus Bastian war Vieles in seinem Leben. Nach dem Abbruch der Realschule in Landsberg arbeitet er zunächst als Bauer, Schmied und Schäfer ehe er an die Realschule Weilheim zurückkehrt. Er besucht die Luitpold-Oberrealschule München und studiert anschließend Rechtswissenschaften in München mit einem einjährigen Gaststudium an der Pariser Sarbonne. Dort verkehrt er in Künstlerkreisen um Dufy, Miro, Picasso und verdient sein Zubrot als Stepptänzer im „Folies Bergère“.

In München zurück führt er ein mondänes Leben als Dandy, im Kopf mit einem Gemisch aus kommunistischen und kosmopolitischen Gedanken. Claus Bastian gründet den „Marxistischen Studentenclub“. Im Jahr 1933 schließt er sein juristisches Examen ab.

Im gleichen Jahr wird er in seiner Schwabinger Studentenbude als Staatsfeind verhaftet und kommt schließlich auf Umwegen als Häftling mit der Registriernummer 1 ins neu gegründete KZ Dachau. Nach 6 Monaten kommt er durch glückliche Umstände wieder frei. Während des 2. Weltkrieges will er dem Kriegsdienst entkommen, was ihm nur teilweise gelang.

Nach dem Krieg wird er unter der amerikanischen Besatzungsmacht als Rechtsanwalt zugelassen. Er führt mehr als 2000 Wiedergutmachungsverfahren für Israelis und wird er u. a. Anwalt von Albert Schweitzer.

In den fünfziger Jahren beginnt Claus Bastian sich aufgrund der früheren künstlerischen Eindrücke in Paris mit der Malerei und Bildhauerei zu beschäftigen. Er gestaltet vier Kreuzwege u. a.den Kreuzweg in der Kirche „Zur Göttlichen Vorsehung“ in Königsbrunn und mehrere Brunnen.

In den späten sechziger Jahren gründet er mit Gunter Sachs und Konstantin von Bayern das „Modern Art Museum Munich“ in der Villa Stuck. Er arbeitet immer wieder als Anwalt.

Im Alter von 86 Jahren stirbt Claus Bastian 1995 in München-Schwabing.

Claus Bastians Lebensgefühl und -motto „Freiheit – Wagnis – Staunen“ stammt aus der Zeit in Utting wo er als Kind das Hochradfahren in der Bahnhofstraße gelernt hat: “ Meine erste Fahrt auf dem Hochrad ist für mich ein ganz wesentliches Kindheitserlebnis. Da hab‘ ich mich haltlos ins Wagnis gestürzt, und auf einmal konnt‘ ich nur staunen, was mir möglich war. Auf dem Sattel über dem großen Vorderrad sitzen und die zwei Treter kräftig treten. Genau da bring‘ ich mich in die Situation nicht stehen zu bleiben. Ich kann die Welt von oben betrachten. Aus neuer Perspektive gewinne ich größeren Überblick. Da oben gibt es keine Feinde. Und jetzt nach vorne schauen und nicht zurück. Das Rückwärtsschauen ist nicht immer angebracht, wenn du die Balance halten willst.“

Die Ausstellung im Raum B1, Bahnhofplatz 1 in Utting wird am 21. Juli 2018 um 19 Uhr eröffnet und kann jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr besucht werden oder nach telefonischer Vereinbarung unter 0163-6350853.

Die Ausstellung endet am 16. September 2018.

Trine Pesch – Hochrad