Kunst mit Nachricht


Süddeutsche Zeitung, Starnberg, Seite 2, Kultur, 25. März 2019

Martin Burger zeigt im Uttinger „B1“ seine Acrylgemälde auf Zeitungspapier

Von Katja Sebald, Utting

Martin Burger ist in einer Zeit aufgewachsen, in der ein Stück weißes Papier eine Kostbarkeit war. 1937 in Emmendingen im Breisgau geboren, erlebte er seine Kindheit und Jugend während des Zweiten Weltkriegs und in der Not der Nachkriegsjahre. Bedrucktes Zeitungspapier nutzte er ursprünglich aus reiner Sparsamkeit als Malgrund. Mittlerweile aber sind ihm Überschriften und Bilder aus der täglichen Nachrichtenwelt zur Inspirationsquelle und zum Impuls geworden, auf den er mit seiner Malerei antwortet. „Veränderung“ heißt deshalb die kleine Kabinettausstellung, die Harry Sternberg als Kurator dem Künstler Martin Burger in seinem Uttinger Ausstellungsraum „B 1“ am Bahnhofsplatz ausgerichtet hat.

Seit gut 15 Jahren wohnen Martin Burger und seine Frau, die Textilkünstlerin Barbara Burger-Tanck, in Utting. Beide sind im Kulturleben der Region engagiert und beteiligen sich mit ihren Arbeiten an den Ateliertagen wie auch an zahlreichen Ausstellungen. Burger hatte zunächst Lehramt für Grundschulen studiert und sich erst spät einer künstlerischen Tätigkeit zugewandt. In den Sechzigerjahren studierte er bei Karl Blocherer, dem legendären Gründer der Blocherer-Schule für angewandte Kunst. Ein Studienaufenthalt führte in auch an die Académie de la Grande Chaumière in Paris. Erst im Jahr 1978 fand er zu seiner eigentlichen Berufung und wurde ein gefragter Mosaikgestalter. Für Aufträge zur Restaurierung wertvoller alter Mosaiken wie auch zur Neuanfertigung in Kirchen oder anderen öffentlichen Gebäuden reiste er um die ganze Welt und arbeitete in Städten wie Jerusalem, Dubai oder Los Angeles.

Seinen Skizzenblock hatte er auch auf seinen Reisen immer dabei. Noch heute zeichnet er beinahe täglich: „Am liebsten irgendwo mitten im Geschehen, wo mich keiner bemerkt“, sagt er.

Es mag zunächst erstaunlich sein, dass der Künstler für seine unzähligen Bleistiftskizzen von zufälligen Beobachtungen im Café, auf der Straße oder auch auf der Badewiese am See das „gute“ weiße Papier verwendet und für die anschließende Umsetzung in Farbe das Zeitungspapier. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch schnell klar, dass nicht nur die – nach der Grundierung mit Acrylfarbe – freigebliebenen Flächen mit Fotos von bedeutenden Zeitgenossen, Illustrationen und marktschreierischen Überschriften für die Bildkomposition wichtig sind, sondern auch die Struktur der grau durchscheinenden Textzeilen ein gestalterisches Mittel ist.

Besonders spannend ist aber nun das Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Malgrund und Maler, das sich erst im Lauf des vergangenen Jahres in den künstlerischen Prozess eingeschlichen und sich jetzt dort fest etabliert hat. Lautet die Feuilleton-Überschrift zu einem Artikel über den Philosophen der Aufklärung, Claude Adrien Helvétius, etwa „Denker der Lust“, dann setzt Burger dem abgebildeten eleganten Herrn im Rokoko-Kostüm kurzerhand eine nackte Schönheit auf einem gelben Handtuch vor die Nase. Manchmal muss der Maler auch die Titelzeile ein wenig umschreiben, um die Fantasie des Betrachters in die gewünschte Richtung zu lenken: Und so steht jetzt über eine Szene von fröhlichen Wirtshauszechern in großen Lettern „Das Böse in der Bar“. Meistens jedoch fügen sich Text und Bild ganz von allein zu einer neuen wundersamen Geschichte: „Du siehst so aus wie ich mich fühle“ steht über dem beinahe lebensgroßen Foto von einem grüngelb leuchtendem Chamäleon, Burger stellt ihm ein blondes Mädchen in gelber Bluse und grünem Rock zur Seite. Und ganz nebenbei haben auch Merkel und Konsorten, Marx, Luther und sogar der Papst einen Auftritt als Nebendarsteller in diesem kleinen Panoptikum, das damit auch ein Stückchen Zeitgeschichte abbildet.

Die Ausstellung „Veränderung“ von Martin Burger im B1 in Utting (Bahnhofsplatz 1) ist noch bis zum 28. April immer sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter der Nummer 08806-957347 zu besichtigen

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